Historische Tafeln in Templin

In einer Zeit, in der in Deutschland von Spaltung die Rede ist, entsteht etwas Schönes in Templin. Ein Gemeinschaftsprojekt, gestemmt von fast 2.000 Templinern. Wir erzählen die Geschichte hinter den Geschichten.

 Eine der Stadttafeln aus Templin
Diese Tafel erzählt die Geschichte des Templiner Stadtteils „Klein Moskau“ (Foto: Aud Krubert)

“Vielleicht stellt man das eine oder andere Foto in Templin aus. Übergroß an den Plätzen, wo sie fotografiert wurden. Echt tolle Bilder hier!”

Zitat aus der Facebook-Grupe „Templin – wie es damals war“

Das ist er. Der Satz, mit dem mein Ehrenamt begann. Es ist der Anfang der historischen Tafeln in Templin, gepostet in einer rasant wachsenden Facebook-Gruppe im März 2021. Aber eigentlich fängt die Geschichte noch früher an. Im Dezember davor. Es beginnt mit Langeweile. Gepaart mit Homeoffice und Homeschooling-Blues und der Sehnsucht nach der Heimat. Draußen ist es dunkel und kalt, und ich sitze mit meiner Arbeit und den Kindern den ganzen Tag zu Hause, ohne nennenswerte Abwechslung. Oft schweifen dabei die Gedanken ab, ich vergleiche die heutige Zeit mit damals. Was hatte ich eigentlich für eine Kindheit in der DDR? Wie war es damals, in den 80ern in Templin? Mit was hab ich gespielt und wie sah es damals überhaupt aus, in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, in der ich Pionierin wurde, meine Jugendweihe gefeiert und die Wendezeit erlebt habe und im Handballverein das Tor sauber hielt? Warum habe ich eigentlich nur so wenige Erinnerungen an diese Stadt?

“Templin – wie es damals war”

Spontan gründe ich eine Facebook-Gruppe: “Templin – wie es damals war”. Ich möchte Bilder austauschen und so wieder einen Farbfilm auf meine Erinnerungen legen. Und auch das winterliche Coronagrau vertreiben. Mehr erwarte ich nicht. Doch es kommt anders. Besser. Plötzlich ist Leben in meinem sozialen Netzwerk. 

Zunächst sind es 20 Freunde aus der Heimat. Eine kleine überschaubare Runde. Doch schnell werden es mehr. Innerhalb kürzester Zeit treten neue und alte Templiner der Gruppe bei. Inzwischen sind wir mehr als 1.800 Gruppenmitglieder. Mehr als 1.800! Sie alle wollen sich erinnern. Täglich ploppen neue Bilder und Geschichten auf. Darunter Postkarten mit Motiven aus einer längst vergangenen Zeit. Fotos, die teilweise jahrzehntelang versteckt in Alben verbracht haben. Es sind Erinnerungen, die bereits verblasst waren und Gebäude, die längst abgerissen wurden. Und immer wieder berührend ist es zu erleben, wie Jugendfreunde sich hier wieder treffen und wie sie in Erinnerungen schwelgen, auch wenn die Gegenwart sie trennt, nicht nur räumlich. Ich hätte vorher nie gedacht, dass Geschichte so emotional sein kann und dass Geschichte Brücken bauen kann. Aber sie kann es.

“Echt tolle Bilder hier!”

Zurück zum Zitat, das jetzt vielleicht mehr Sinn ergibt: “Vielleicht stellt man das eine oder andere Foto in Templin aus. Übergroß an den Plätzen, wo sie fotografiert wurden. Echt tolle Bilder hier!” So also entstand im März 2021 die Idee für die historischen Tafeln.

Wir haben das Glück, nicht bei null anfangen zu müssen. Templin feierte im vergangenen Jahr sein 750. Jubiläum. Da gab es bereits die Idee, ähnliche Tafeln in der Stadt aufzustellen und es wurden Geschichten aus den Stadtvierteln zusammengetragen. Geschichten, die man noch heute auf der Seite templin.de nachlesen kann. Auch da waren viele Menschen ehrenamtlich daran beteiligt. Ich bin beeindruckt von dem Fleiß, und wir nehmen diese Texte nun dankbar als Vorlage für die neuen Tafeln.

Zehn Monate später ist es soweit. Die ersten vier Tafeln stehen. Vier von zehn. Ich bin ein bisschen aufgeregt. Wie kommen die gläsernen Schaubilder auf Stelzen bei den Templinerinnen und Templinern an? Hat sich die Arbeit gelohnt?

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Die erste Tafel wird aufgestellt (Video: Patrick Telligmann)

Mit mir zusammen sind vier Menschen an diesem Projekt beteiligt: Ernst Volkhardt, der Mann für’s Organisatorische. Er kennt sich mit den Gepflogenheiten der Stadt aus und weiß, wie man Genehmigungen einholt. Lars Rieck ist der Anpacker in unser Runde. Der Mann, der Schilder und Tafeln gestalten kann und auch mal schnell zum Telefon greift, wenn die Situation wieder bürokratisch zu werden droht. Und dann gibt es da noch Bärbel Makowitz, die Stadtchronistin und meine ehemalige Geschichtslehrerin. Coronabedingt haben wir uns nie zu viert getroffen. Es gab Online-Meetings und Einzeltreffen. Das macht die Arbeit an einem Gemeinschaftsprojekt nicht leichter.

Zehn Tafeln für Templin

Zehn Tafeln werden es insgesamt, zwei finanziert aus dem Bürgerbudget der Stadt und für die acht weiteren Tafeln haben wir sehr schnell Sponsoren gefunden. Sie alle unterstützen das Projekt, nicht nur finanziell. Die Stephanus-Stiftung sponsort sogar zwei Tafeln.

Sechs Tafeln erzählen die Geschichten der Templiner Stadtviertel: Wann sind sie entstanden und was macht sie zu etwas Besonderem? Das Postheim zum Beispiel hat seinen Namen von den Berliner Postbeamten bekommen, die Anfang des 20. Jahrhunderts dort Urlaub machen durften. Und Klein Moskau hat seinen Namen drei Templinern zu verdanken, die als erste in dieses Viertel zogen und Mitglieder der KPD (der Kommunisten Partei Deutschland) waren. Es sind Geschichten aus dem Templiner Volksmund.

Hilfreich bei der Recherche ist übrigens das Schwarmwissen der Facebookgruppe. Es ist beruhigend, wenn man so viele Menschen befragen kann, die hier teilweise seit Generationen leben. Ohne diesen Austausch würde vieles auf den Tafeln fehlen.

Die vier weiteren Tafeln werden an Plätzen aufgestellt, an denen sich in der Vergangenheit viel getan und optisch viel verändert hat. Zum Beispiel am Marktplatz. Hier standen früher mehrere imposante Hotels. Kutschen fuhren am Marktplatz vorbei, auf einem Bild sieht man auch einen Reiter. Das Stadion ist für viele Einheimische seit Jahrzehnten ein wichtiger Anker in Templin. Und der Waldhof – dank Angela Merkel schon fast ein touristischer Hotspot in der Gegend – hat sich nicht nur optisch stark verändert.

Bild vom Aufbau einer Tafel
Unten Beton und oben Glas und Geschichte – hier wird gerade die Tafel zu „Kleckersdorf“ aufgestellt (Foto: Patrick Telligmann)

Wir lassen Bilder sprechen

Doch wie sollen diese Tafeln eigentlich aussehen? Wir haben die Wahl: Entweder wir erzählen viele Geschichten auf den Tafeln oder aber wir lassen Bilder sprechen. Die Entscheidung fällt uns leicht – siehe Zitat aus der Facebookgruppe. Ich bin neugierig, ob unser Konzept aufgeht und stehe nun vor der Tafel für Kleckersdorf. Oben prangt ein großes Bild auf dem die Ziegeleibrücke zu erkennen ist. Davor erstreckt sich ein weites Feld und hinter der Brücke ahnt man die alten Häuser. Dann schaue ich neben die Tafel und erkenne das Motiv aus heutiger Sicht wieder. Zumindest fast. So ganz hat der Blickwinkel nämlich nicht funktioniert, sonst hätte die Stele mitten auf dem Feld gestanden – und wäre somit nicht leicht zugänglich für Menschen, die sich dafür interessieren.

Ich gucke also von der Stele zur Brücke und wieder zurück. Es funktioniert –  und es sieht gut aus. Mein Sohn wird später zu diesem ersten Foto von der Stele sagen: “Wow, das macht Templin noch schöner.” Und ich finde, er hat Recht. Es ist eine Bereicherung. Und nicht nur eine optische.

Geschichten aus der Uckermark

Für mich ist das Beste an diesem Projekt, dass da so viele unterschiedliche Menschen über einen langen Zeitraum mitgewirkt und mitgefiebert haben. Alles nebenbei, alles ehrenamtlich. Wir haben gemeinsam die Geschichten und Bilder ausgewählt, haben es als Stadt gestemmt. In einer Zeit, in der in Deutschland von Spaltung die Rede ist, ist in Templin etwas Schönes entstanden. Etwas, worauf wir stolz sein können. Denn wir haben etwas Bleibendes geschaffen, kleine gläserne Denkmäler verankert im Templiner Bewusstsein. Auch wenn Touristen jetzt dort Tafeln sehen, können wir Templiner auch auf die Geschichten hinter diesen Tafeln blicken. Wir werden uns erinnern an viele Diskussionen, an Bilder und das Wir-Gefühl.

Und einen Nebeneffekt hat diese Arbeit mit den Tafeln nun auch für mich persönlich. Seither gehe ich an keiner Tafel mehr achtlos vorüber. Denn ich weiß jetzt, wie viel Zeit, Arbeit und auch Liebe in solchen Projekten steckt. Engagement, das oft von Ehrenamtlichen geleistet wird. Und das finde ich bewundernswert, mindestens genauso wie die eigentlichen Tafeln.

In der Uckermark gibt es so viele Tafeln, in den Städten, in den Dörfern, manchmal auch am Wegesrand. Und sie alle haben ihre eigenen Geschichten, die gehört und gesehen werden wollen. Werden müssen. Denn es ist auch unsere uckermärkische Geschichte – eine Geschichte, die vom Wir-Gefühl erzählt. Wir – heute und damals.

Karte: Die Standorte und Sponsoren der Tafeln in Templin

1 – Am Marktplatz (Sponsor: Uckermark Immobilien)

2 – Scheunenviertel (Sponsor: WBG „Uckermark“ Templin eG.)

3 – Stadion (Sponsor: Ideal-Bau-Templin GmbH)

4 – Kleckersdorf (Sponsor: Rieck Beschriftungen)

5 – Klein Moskau (Sponsor: Bürgerbudget)

6 – Postheim (Sponsor: Bürgerbudget)

7 – Rotzendorf (Sponsor: Sprafke & Schröder Transport GmbH)

8 – Kuckucksheim/ Elsternest (Sponsor: NaturTherme Templin)

9 – Waldhof (Sponsor: Stephanus-Stiftung)

10 – Kirsteinhaus, damals Rettungshaus (Sponsor: Stephanus-Stiftung)

Aud Krubert

Ich bin die mit dem komischen Namen. Und ansonsten: Geboren und aufgewachsen in Templin. Für das Studium und die Arbeit durch das Land gereist. Jetzt genieße ich meine Arbeit als Journalistin in Berlin und meine Freizeit in der Heimat.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Irene Krubert

    einfach nur super und ich bin stolz auf meine Tochter Aud und auf das, was sie bewegt hat. Ja und ich lebe gerne in meiner Stadt Templin und dies nun schon fast mein ganzes Leben lang.

  2. Peter Christian Hall

    Eine sympathische, interessante, Nachahmenswerte Initiative. Weiter so, Auf und alle anderen Beteiligten!

  3. Ulrich

    Hallo Aud,
    auch ich bin ein Templiner Jung‘, der in den Kriegswirren geboren und seine Eltern verloren hat.
    Ihre Initiative belebt das Wissen über unsere Heimat enorm. Die Gescjichten werden das Ihrige beitragen.
    Bin 1974 beruflich an die Ostseeküste gezogen, habe mehre Studien erfolgreich abgeschlossen und war bis 2019 in der Welt als Bauleiter unterwegs.
    Die Olschowski- Brüder gehörten auch zu meinem Freundeskreis, habe ja schließlich 30 Jahre in der Röddeliner Straße gewohnt.

    Soviel zum Kennenlernen,

    Friedhelm Ulrich

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