Hohenlychen und Neuengamme – Reise in die Finsternis

Bild: Heilanstalten Hohenlychen
Heilanstalten Hohenlychen – hier praktizierte Dr. Kurt Heißmeyer (Foto: Patrick Telligmann)

Ein Mann geht durch den Wald. Die Sonne scheint. Vögel zwitschern. In der Ferne hört man eine Motorsäge. Gut möglich, dass gleich irgendwo eine kräftige Buche fällt. Der Mann wird begleitet von anderen Männern. Er in Handschellen. Die anderen ohne. “Da vorne.” Spitzhacke, Spaten. Die Männer heben eine Kiste aus der Erde. Der Inhalt: Beweise für ein abscheuliches Verbrechen. Vergraben 1945 in Hohenlychen. In der Uckermark.

Mit der oben beschriebenen Szene beginnt die ARD-Dokureihe „Nazijäger – Reise in die Finsternis“. Der Mann in Handschellen ist Dr. Kurt Heißmeyer. 20 Kindern hat der Arzt das Leben genommen. Im April 1945 wurden sie ermordet, um Spuren zu verwischen. Seine Spuren. Fast zwanzig Jahre vergehen, bis die Kiste im März 1964 gefunden wird. 

Der Fundort bleibt in der Doku zunächst unerwähnt. Er spielt auch im Verlauf der dreiteiligen Serie nur eine untergeordnete Rolle. Das ist keine Kritik an der ARD-Produktion. Diese stellt schließlich in erster Linie die Arbeit der Ende April 1945 zusammengestellten britischen “War Crimes Investigation Unit” dar, einer Einheit also, die Kriegsverbrechen untersuchen sollte. Doch hier in den Heilanstalten Hohenlychen, keine 20 km von meinem Geburtsort Templin entfernt, war Heißmeyer Oberarzt für Tuberkulose. Mit dieser Verbindung möchte ich mich hier auseinandersetzen.

“Der ewige Oberarzt”

Heißmeyer, ein Arzt, dessen Aufgabe es sein sollte, Leben zu retten, “trieb ausschließlich der Ehrgeiz, sich an Dinge zu wagen, die seine Kenntnisse und Fähigkeiten überstiegen.” So schrieb es der Lychener Hans Waltrich in seinem 2001 veröffentlichten Buch “Aufstieg und Niedergang der Heilanstalten Hohenlychen” auf. Während der damalige Chefarzt Prof. Dr. Gebhardt seinerzeit einen ausgezeichneten Ruf genoss und beispielsweise mit Ehrungen für seine Verdienste während der Olympischen Spiele 1936 bedacht wurde, fristete Heißmeyer ein Schattendasein. Er drohte als “der ewige Oberarzt” vergessen zu werden.

Heißmeyers Onkel August Heißmeyer und sein guter Bekannter Oswald Pohl waren Generäle der Waffen-SS. Auch Heißmeyer war Mitglied. Seine Ambitionen galten jedoch nicht dem Militär. Er wollte auf dem Gebiet der Wissenschaft zu Ruhm und Ehre gelangen. Dafür musste er publizieren. Das hatte er bis in die 1940er kaum getan. Die Entdeckung einer effektiveren Methode zur Behandlung der Lungentuberkulose hätte ihm viel Anerkennung und eine Habilitationsschrift zu diesem Thema den ersehnten Professoren-Titel gebracht. Seine Absicht: Die Entwicklung einer Art Impfung durch eine zweite Infektion mit der weniger gefährlichen Hauttuberkulose. Hätte Heißmeyer sich eingehender mit der Materie befasst, wäre vielleicht manches anders gekommen. Die These war längst widerlegt. Seine Taten waren also nicht „nur“ abscheuliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie waren auch unter einer von Moral befreiten kalten Betrachtung des Aspekts der Nützlichkeit vollkommen sinnlos. Nicht aber für Heißmeyer, der noch Material für seine Habilitationsschrift benötigte.

Die Menschenversuche fanden nie auf dem Gelände der Heilanstalten Hohenlychen statt. Seit dem 28. Februar 1931 gab es in Deutschland Richtlinien für die „Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen“. Diese waren „bei fehlender Einwilligung unter allen Umständen unzulässig“. Diese Richtlinien galten auch nach der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten – zumindest offiziell. Dieser Anschein sollte gewahrt werden. Himmler genehmigte nur die Konzentrationslager als Versuchsorte. 

Bild: Inhalt vergrabener Kisten von 1964
 Inhalt der vergrabenen Kiste, 25.3.1964 (Quelle: BStU, Berlin, HA IX/11 ZUV, Nr. 46, Band 154, Blatt 291)

Die Heilanstalten Hohenlychen behielten so auch rückblickend ihren guten Ruf in der Bevölkerung. Hier gingen zwar führende Nazis wie Himmler und Heß ein und aus. Auch Hitler war öfter zu Gast. Ein Tatort soll das Gelände am Zenssee dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen nicht gewesen sein. Die Rivalitäten, die Karrierepläne, vielleicht auch die Hoffnung auf eine Anwendbarkeit der im Tausch gegen Moral und Anstand teuer erkauften Erkenntnisse – all das, was daraus folgte, nahm jedoch hier seinen Ausgang.

“Wer von euch will die Mama wiedersehen?”

Auschwitz. Kinderbaracke. November 1944. Bis zur Befreiung des Konzentrationslagers vergehen noch zwei Monate. „Wer von euch will die Mama wiedersehen?“ Eine perfide Frage. Welches Kind würde sich in dieser Situation nicht melden? Selbst Sergio de Simone, der zuvor von seinen älteren Cousinen gewarnt worden war, konnte nicht widerstehen. Zusammen mit 19 anderen „Freiwilligen“ zwischen fünf und zwölf Jahren wurde er nach Westen gebracht. Nicht nach Ravensbrück. Das war Gebhardts Revier. Hier betrieb er seine Sulfonamid-Forschung. Die Kinder wurden in ein Lager vor den Toren Hamburgs verlegt.

Es war der siebte Geburtstag von Sergio de Simone, der 29. November 1944, als die Kinder in Neuengamme ankamen. Seinen achten Geburtstag sollte Sergio nicht mehr erleben. Mit den anderen Kindern kam er in die schon im April eingerichtete Baracke „Sonderabteilung Heißmeyer“. Hier hatte der Arzt zuvor erste Versuche an sowjetischen Kriegsgefangenen durchgeführt. Die hatten schon nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht, was er aber mit deren Entkräftung infolge der Zwangsarbeit zu erklären versuchte.

Spätestens Ende 1944/Anfang 1945 pendelte Heißmeyer für seine letzte Versuchsreihe wöchentlich zwischen Hohenlychen und Neuengamme. Dafür hatte er die 20 Kinder, zehn Mädchen und zehn Jungen, aus Auschwitz “bestellt”. Einem Teil der Kinder spritzte und rieb Heißmeyer lebende Tuberkelbazillen unter die zuvor aufgeschnittene Haut. Anderen Kindern führte er die Krankheitserreger mit Hilfe einer Sonde direkt in die Lunge ein. Anschließend operierte er den erkrankten Kindern Lymphknoten unterhalb der Achselhöhlen heraus.

Mitte April 1945, wenige Tage bevor die Engländer Hamburg besetzen konnten, kam aus Berlin der Befehl, die Kinder und die Zeugen – zwei Ärzte und zwei Pfleger – aus dem Lager Neuengamme zu töten. Sie alle wurden in der Nacht zum 20. April 1945 in den Keller der Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg gebracht. Die Ärzte und Pfleger, ebenfalls Insassen im KZ Neuengamme, wurden an einem Heizungsrohr unter der Decke erhängt. Die Kinder wurden mit Morphium betäubt und ebenfalls erhängt.

“Menschen zweiter Klasse”

Ohne einen Artikel im „Stern“ aus dem Jahr 1959, der auch auf der östlichen Seite der innerdeutschen Grenze Beachtung fand, wäre Heißmeyer vielleicht nie verhaftet worden. Die Stasi vermutete zunächst alle Ärzte aus Hohenlychen im Westen und mit widersprüchlichen Zeugenaussagen konnten (oder wollten?) die zuständigen Behörden nichts anfangen. Möglicherweise spielte auch der Ärztemangel in der Nachkriegszeit in der DDR eine Rolle.

Erst Ende 1963 erging mit der Erlaubnis durch den Minister für Staatssicherheit Erich Mielke ein Haftbefehl gegen Heißmeyer. Bis dahin praktizierte er in Magdeburg weiter unbehelligt als Arzt. Er gab bei der Vernehmung zu, im KZ Neuengamme medizinische Versuche durchgeführt zu haben, bestritt aber die schweren gesundheitlichen Folgen bis hin zum Tod, die Ermordung der KZ-Häftlinge inklusive der Kinder oder eine Beteiligung daran. Er erhoffte sich eine Entlastung durch das Material, das er im April 1945 im Garten der Heilanstalten Hohenlychen in einer Zinkblechkiste vergraben ließ. Er verriet das Versteck. Nach Sichtung des Inhalts – darunter Fotos der Kinder und deren Krankenakten – blieben jedoch keine Zweifel mehr an seiner Schuld. Er erkannte seinen Irrtum und gestand. 

Während des Prozesses erklärte Heißmeyer, keinerlei Bedenken gehabt zu haben, “an Häftlingen eines Konzentrationslagers Experimente vorzunehmen, da er in diesen nur Menschen zweiter Klasse sah und mit irgendwelchen Versuchstieren gleichsetzte”. Am 30. Juni 1966 wurde er schließlich wegen “fortgesetzten Verbrechens gegen die Menschlichkeit” zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Zwei Jahre später starb er im Zuchthaus Bautzen an einem Herzinfarkt.

Die Kinder:

Mania Altman, *07.04.1937, †20.04.1945

Lelka Birnbaum, *1933, †20.04.1945

Sergio De Simone, *29.11.1937, †20.04.1945

Surcis Goldinger, *1934/35, †20.04.1945

Riwka Herszberg, *07.06.1938, †20.04.1945

Eduard Hornemann, *01.01.1933, †20.04.1945

Alexander Hornemann, *31.05.1936, †20.04.1945

Marek James, *17.03.1939, †20.04.1945

Walter Jungleib, *12.08.1932, †20.04.1945

Lea Klygerman, *28.04.1937, †20.04.1945

Georges-André Kohn, *23.04.1932, †20.04.1945

Bluma Mekler, *1934, †20.04.1945

Jacqueline Morgenstern, *26.05.1932, †20.04.1945

Eduard Reichenbaum, *15.11.1934, †20.04.1945

Marek Steinbaum, *26.05.1937, †20.04.1945

H. Wassermann, *1937, †20.04.1945

Roman Witoński, *08.06.1938, †20.04.1945

Eleonora Witoński, *16.09.1939, †20.04.1945

R. Zeller, *1933, †20.04.1945

Ruchla Zylberberg, *06.05.1936, †20.04.1945

Möge ihre Erinnerung ein Segen sein.

Material:

Patrick Telligmann

Institut für Lehrerbildung, "Salvador Allende" und Hyparschale - hätte es die genannten Institutionen nicht gegeben, gäbe es wohl auch mich nicht. Warum? Weil sie es waren, die meine Eltern erst in die Perle der Uckermark und dann zusammengeführt haben. 1985 wurde ich in Templin geboren. Zum Studium ging es 2006 aus dem Ortsteil Klosterwalde in die Bundeshauptstadt Berlin. Seit April 2020 bin ich zurück - und das ist auch gut so. Ich mache Politik - beruflich als Mitarbeiter im Wahlkreisbüro einer Landtagsabgeordneten und privat als Mitglied im bündnisgrünen Kreisverband Uckermark. Ich fotografiere um Nähe zu schaffen. Und ich spiele Volleyball, gehe paddeln und wandere gern, um auch mal Abstand zu gewinnen. Trotzdem bin ich fast immer in Verbindung, denn für mich gilt: Ohne Handy? Ohne mich!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Kathrin Döpel

    Danke.

  2. Michaela Bentzin

    Sehr interessant und entsetzlich. Danke für den Blogpost.

  3. Heiko Strempel

    Das ist eine bewegende Geschichte.

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