“Wir haben kaum noch Personal”

Interview mit Nico Brückmann, Vorstandsvorsitzender vom DRK Kreisverband über die Situation in der Pflege und die Angst vor einer Impfung

Nico Brückmann, Vorstandsvorsitzender vom DRK Kreisverband Uckermark West/Oberbarnim e.V.  (Foto: Aud Krubert)
Nico Brückmann, Vorstandsvorsitzender vom DRK Kreisverband Uckermark West/Oberbarnim e.V.

Ab dem 16. März gilt die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Sie ist jedoch umstritten. Während auf der einen Seite Angehörige von Heimbewohnern diese Maßnahme begrüßen und den Schutz der vulnerablen Gruppen nun als gesichert ansehen, wird die Impfpflicht innerhalb der Branche skeptisch gesehen. Nicht alle Mitarbeiter wollen sich impfen lassen. Sie riskieren nun den Verlust des Arbeitsplatzes und sorgen dafür, dass die Pflegeleistung nicht mehr überall gewährleistet sein wird.

uckermark-blog: Mit Blick auf die kommende Impfpflicht für die Pflegebranche. Wie sieht es da in Ihren Pflegeheimen aus?

Nico Brückmann: Wir haben in Templin eine Einrichtung, da sind hundert Prozent der Mitarbeiter geimpft und 93 Prozent der Bewohner geimpft oder genesen. Und für alle unsere Beschäftigten bin ich bei einer Quote von von weit unter drei Prozent, also etwa bei 2,7 Prozent ungeimpfter Mitarbeiter in allen Sparten. Und da reden wir von dem Hausmeister bis hin zu den Pflegekräften und den Erziehern. Anders sieht es aus bei unserem Heim in Eberswalde: Wir haben dort etwa 22 Prozent der Mitarbeiter, die nicht geimpft oder genesen sind. Und bei der Befragung, wie es hypothetisch zum 15.03. aussehen würde, landen wir bei 20 Prozent. Also knapp ein Fünftel aller Mitarbeiter in dieser Einrichtung wären dann nicht geimpft oder genesen.

uckermark-blog: Ist das Heim in Eberswalde eine Ausnahme?

Nico Brückmann: Es wäre schlimm, wenn diese Einrichtung eine Ausnahme wäre. Ich bin schon davon überzeugt, dass es in vielen, vielen Einrichtungen in Deutschland ähnlich aussieht. Dass viele Einrichtungsleiter oder auch Träger sich mit den gleichen Problemen und Ängsten tragen, die wir haben. Wir pflegen seit Jahren an der Grenze des Machbaren. Wir haben kaum noch Personal. Und jetzt kommt neben Corona mit der Impfpflicht eventuell eine gesetzliche Verpflichtung dazu, die es es uns noch schwerer macht. Und dann ist die Grenze irgendwann überschritten. 

uckermark-blog: Blicken Sie mit Sorge auf die Impfpflicht?

Nico Brückmann: Wir sind eigentlich in der Pflege tätig. Ich respektiere und akzeptiere jede Einstellung meiner Mitarbeiter. Meine Sorge ist jedoch, dass die gesetzliche Lage das Personal in zwei Gruppen unterscheidet, in geimpft und ungeimpft. Und dass wir nun durch diese Lage bald noch weniger Personal haben werden. 

uckermark-blog: Und gleichzeitig wird der Pflegebedarf aber immer höher …

Nico Brückmann: Das ist so. Die Leute werden immer älter und werden auch länger Hilfe und Pflege in Anspruch nehmen müssen. Egal, ob in der vollstationären Pflege oder auch ambulant. Und die Krankheitsbilder sind natürlich sehr viel komplexer geworden, weil sich die Medizin weiterentwickelt hat. Früher war Oma halt alt und vergesslich. Heute hat sie eine ganze Karteikarte mit Vorerkrankungen und Diagnosen in der Dokumentation stehen.  

uckermark-blog: Glauben Sie, dass man mit besseren Arbeitsbedingungen oder mehr Gehalt das Pflegepersonal zu einer Impfung überzeugen könnte?

Nico Brückmann: Nein. Die Mitarbeiter, die sich bisher gegen eine Impfung entschieden haben, die haben für sich persönlich eine abgewogene individuelle Entscheidung getroffen. Diese Mitarbeiter kann man nicht mit Geld oder anderen Anreizen überzeugen. Und ich würde es auch nicht richtig finden, dass die, die sich später für eine Impfung entscheiden, jetzt dafür belohnt werden sollen. 

uckermark-blog: Der Pflegeberuf hat in der Corona-Pandemie viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Menschen haben für Sie auf den Balkonen geklatscht. Trotzdem mangelt es an Personal. Woran liegt das?

Nico Brückmann: Der Pflegeberuf als solcher hat kein gutes Ansehen, er gilt als unattraktiv und hat eine ganz schlechte Lobby. Es wollen kaum noch junge Leute den Beruf erlernen. Es reicht jetzt nicht, den Leuten mehr Geld zu versprechen. Es muss sich eigentlich das ganze System ändern. Ein Beispiel: Die Pflegekassen müssten in dem System einen anderen Beitrag leisten. Es steigt immer nur der Selbstbetrag des Patienten. Aber es steigt nicht der Teil, den die Pflegekasse übernimmt. Das ist ein Fehler im System. Und dieser führt dazu, dass viele Leute aus den Pflegeleistungen zurücktreten, weil sie sich diese nicht mehr leisten können. Das hilft uns also nicht. 

uckermark-blog: War der Pflegeberuf in den vergangenen zwei Jahren härter als in den Jahren davor?

Nico Brückmann:  Ja, selbstverständlich. Der mentale Druck war enorm. Am Anfang hatten wir ja noch keinen Impfschutz. Und die Folgen der Erkrankung haben wir mit aller Härte gesehen und auch gespürt. Jeder Ausbruch bedeutete zudem eine extreme und höhere Arbeitsbelastung als sonst. Die Schutzmaßnahmen waren und sind eine zusätzliche Belastung. Das alles kostet Kraft.

uckermark-blog: Haben Sie in dem Zeitraum Mitarbeiter verloren, weil die Arbeit zu stressig war? 

Nico Brückmann:  Die schon länger den Beruf ausüben, die bleiben auch. Aber wir haben viele Auszubildende, die feststellen, dass sie doch nicht für den Beruf geeignet sind und die uns verlassen haben. Deswegen haben wir auch natürlich ganz große Nachwuchsprobleme. Was wir aber auch haben und was auch wirklich ein Problem ist, ist ein erheblich höherer Krankenstand und einen erheblich höheren Langzeitkrankenstand. In unserem Heim in Eberswalde zum Beispiel mussten wir aktuell die Hälfte der Bewohner verlegen, weil wir da gerade viele Mitarbeiter ausgefallen sind. So sieht momentan die Lage aus.

uckermark-blog: Was hören Sie aktuell von den Mitarbeitern? Wie gehen die mit der Belastung um?

Nico Brückmann: Am meisten höre ich zur Zeit den Satz: “Ich möchte mal wieder ein bisschen Freizeit haben.” Das ist momentan wirklich ein Problem und ein verständlicher Wunsch. Zu wissen, dass man nach sieben oder zehn Tagen Dienst auch mal zwei Tage frei hat, das können wir gerade nicht garantieren. Das können wir seit fast zwei Jahren nicht mehr. Es ist einfach nicht mehr genügend Personal da.

uckermark-blog: Was machen Sie gegen den Personalmangel? Gibt es bei Ihnen Quereinsteiger?

Nico Brückmann: Wir versuchen das ja. Also ich weiß nicht, ob das in Südbrandenburg ein bisschen was anderes ist. Ob jetzt, wenn die Braunkohle in der Lausitz nicht mehr gefördert wird, ob die demnächst über Quereinsteiger genug Pflegekräfte und Pflegefachkräfte haben. Aber hier bei uns in der Region ist es ein bisschen schwierig, dann noch über Quereinsteiger zu reden, weil eigentlich dieser Markt doch gar nicht da ist.

uckermark-blog:  Ist es hier in unserer Region denn schwerer als anderswo in der Pflege zu arbeiten? 

Nico Brückmann: Also der Nachteil ist: Wir sind halt nicht mehr der Speckgürtel von Berlin, sondern ein Flächenland mit relativ geringen Personalbestand. Und da spielt Geld dann doch irgendwie eine Rolle. Und das macht sich dann auch auf auf dem Markt natürlich bemerkbar. Der Vorteil in unserer Region ist jedoch: Je kleiner das Dorf ist, umso mehr kümmern sich die Nachbarn um den zu Betreuenden. Und auch die Pflegekraft ist einfach mit allen vertraut, weil man sich eben kennt. Und menschlich würde ich jetzt mal so auch als Uckermärker sagen, sind wir da schon ein bisschen warmherziger. Der Uckermärker an sich ist ein sehr empathischer Mensch. Hier erlebe ich noch viel menschliche Wärme.

 Beispiele für Gehälter in der Pflegebranche

JobPersonBrancheUnternehmensgrößeBruttogehalt pro Monat
Kinderkrankenpflegerinweiblich, 44 Jahre altKrankenhaussehr groß2.708 Euro
Pflegefachkraftweiblich, 36 Jahre altGesundheitswesengroß1.839 Euro
Pflegefachkraftweiblich, 52Soziale Einrichtunggroß3.262 Euro
Heimleitungmännlich, 48 Jahre altSoziale Einrichtunggroß3.872 Euro
Heimleitungweiblich, 34 Jahre altGesundheitswesenklein3.228 Euro
Pflegepädagogemännlich, 50 Jahre altGesundheitswesengroß5.185 Euro
Berufsschullehrerweiblich, 52 Jahre altGesundheitswesensehr groß4.068 Euro
Case Managementweiblich, 50 Jahre altSoziale Einrichtunggroß3.933 Euro
Pflege von Menschen mit Handicapweiblich, 23 Jahre AltSoziale Einrichtungklein1.665 Euro
Qualitätswesenweiblich, 49 Jahre altGesundheitswesensehr groß3.418 Euro
Qualitätswesenweiblich, 36 Jahre altSoziale Einrichtungklein2.398 Euro
Stand: Oktober 2021 // Quelle: e/gehalt/#gehaelter

uckermark-blog:  Können Sie das bestätigen: In den Gebieten, in denen die Impfquote geringer ist, lassen sich auch weniger Pflegekräfte impfen?

Nico Brückmann: Mit den Statistiken ist es immer ein bisschen schwierig. Ich glaube, dass die Mitarbeiter in der Pflege den Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Und wenn es eine Region gibt, in der die Impfbereitschaft geringer ist, dann ist auch die Quote unter den Pflegekräften dementsprechend geringer. Aber nehmen wir zum Beispiel meine beiden Einrichtungen in Templin und Eberswalde. 100 Prozent und etwa 80 Prozent geimpfte Mitarbeiter. Das hat da nichts mit regionalen Unterschieden zu tun.  Also da steckt auch sehr viel Individualität der Mitarbeiter dahinter. Das macht solche pauschalen Aussagen schwierig.

uckermark-blog: Mit Blick auf den 15. März. Ab dann gilt die Impfpflicht für Ihre Branche. Machen Sie sich da Sorgen?

Nico Brückmann: Das Datum macht mir große Sorge, weil es noch immer keine Sicherheit für alle Mitarbeiter gibt. Ich meine nicht nur die Unsicherheit für die Mitarbeiter, die nicht geimpft sind. Sondern ich meine auch unsere geimpften Mitarbeiter. Denn die wissen auch nicht, wer ab dem 16.03. zum Dienst kommen kann und wie der Dienstplan dann aussehen wird. Der Weg, den Brandenburg jetzt mit der einrichtungsbezogenen Impfpflicht geht, lässt noch viele Fragen offen. Die Gesundheitsämter sollen nun Einzelfallentscheidungen treffen. Da wissen wir aber noch nicht, welche Mitarbeiter wie lange bleiben können. Aktuell müssen wir als Arbeitgeber die Daten dem Gesundheitsamt melden. Es wird dann ein Verfahren geben, was sich auch nicht von heute auf morgen bewerkstelligen lässt. Wir können also davon ausgehen, dass es frühestens Ende April ein Beschäftigungsverbot für ungeimpfte Mitarbeiter in der Pflege geben wird. Das ist jedoch schwierig, weil ich ja wissen muss, wieviele Mitarbeiter ich verlieren werde und wie ich eine sichere Pflege weiterhin garantieren kann.

uckermark-blog: Vielen Dank für das Interview.

Aud Krubert

Ich bin die mit dem komischen Namen. Und ansonsten: Geboren und aufgewachsen in Templin. Für das Studium und die Arbeit durch das Land gereist. Jetzt genieße ich meine Arbeit als Journalistin in Berlin und meine Freizeit in der Heimat.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Mathias

    Sie sind augenscheinlich auch die mit den genialen Aufklapptexten im Interview! Fragen, die sich dem Lesenden stellen, an passender Stelle sachlich zu beantworten, macht es leichter, sich zu vertiefen. Ich sehe das zum allerersten Mal und bin offensichtlich begeistert.

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