Unter „Querdenkern“ – Versuch einer teilnehmenden Beobachtung

Dorfkirche in Malchow (Foto: Patrick Nix)

Es gibt Tage, da ist die kleine Dorfkirche in Malchow proppenvoll. Die Besucher sind zwar oft Gläubige, doch besser trifft vielleicht der Begriff Andersgläubige zu, gemeint sind in diesem Fall „Querdenker“. Patrick Nix hat die Kirche besucht – mehrfach und über Monate hinweg.  Dieser Bericht spiegelt seine Erfahrungen und seine Meinung dazu wieder.

Am äußersten Rand der Uckermark gelegen, bietet das Dörfchen Malchow bei Göritz nur selten Anlass für mediale Erwähnungen. Wäre da nicht Pfarrer Dietz, der gerne “Coronaleugner” und -”Verharmloser” zu seinen Kirchenabenden einlädt.

Hier traten bereits Persönlichkeiten wie Paul Brandenburg und Hans Joachim Maaz auf und gaben dem kritischen Publikum, wonach es verlangte: Bestätigung für die feststehende Überzeugung, dass da etwas faul ist. Dass Corona und die Maßnahmen nur ein abgekartertes Spiel sind. Dass Größeres hinter all dem steckt. Dass am Ende vielleicht sogar die Juden/Reptiloiden/Romulaner mit Corona zum finalen Schlag ausholen.

Diese einführenden Zeilen mögen absurd klingen, relativieren sich aber, wenn man beispielsweise die Texte von Hans Joachim Maaz liest. Dieser meint, bei der Corona-Krise handele es sich eigentlich um eine „Plandemie“ hinter der eigentlich ein elitärer Zirkel, namentlich das Weltwirtschaftsforum in Davos, angeführt durch seinen Gründer Klaus Schwab steckt (Quelle: Pandemie – Panikdemie – Plandemie).

Was aber passiert da in Malchow? Wer sind die Menschen, die diese Veranstaltungen besuchen? Um das herauszufinden, besuche ich die Veranstaltungen. Immer, und immer wieder. Und je mehr ich mich unter den selbsternannten “Querdenkern” bewege, desto mehr erkenne ich, wie diese denken.

19. August 2021

An diesem verregneten Donnerstagabend kündigte sich nun der Münchener Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen an. Meyen erklärt in seinem aktuellen Sachbuch „Die Propaganda-Matrix“, dass das Mediensystem in Deutschland strukturell staatshörig sei und weniger an Aufklärung und Information der Öffentlichkeit, als vielmehr an der Mehrung der eigenen Pfründe orientiert sei. Mehr noch: Die Mainstream-Medien seien schuld daran, dass die Corona-Krise diese Ausmaße erreicht hat.

Das Buch hat mich nicht überzeugt. So selektiv zitiert der Medienwissenschaftler hier, so stark verkürzt er die Autoren, die er zur Untermauerung seiner Argumentation heranzieht, dass der Professor seinen eigenen Studierenden vermutlich raten würde, ihre Thesen an Gegenargumenten zu prüfen. In der Wissenschaft eigentlich ein vollkommen normales Vorgehen. Im Sachbuch von Michael Meyen gibt es für Gegenargumente leider nur wenig Raum.

Niemanden vorverurteilen

Es ist leicht, Menschen vorzuverurteilen. Natürlich hatte auch ich eine Vorstellung davon, was für eine Klientel sich bei derartigen Veranstaltungen zusammenfindet. An diesem Donnerstagabend gilt es nun, meine Vermutung mit der Wirklichkeit abzugleichen. So viel sei vorweggenommen: Meine Sorgen sind unbegründet.

Screenshot der Telegram-Gruppe „die UM steht auf“

Das war keineswegs selbstverständlich. Einen Tag vor dem Kirchenabend in Malchow wurde in der einschlägigen Telegram-Gruppe „die UM steht auf“ auf die Veranstaltung hingewiesen. In dieser Diskussionsgruppe versammeln sich QAnon-Anhänger und bekennende Neonazis erstaunlich freimütig – man fragt sich, ob sie einfach keinerlei Hemmungen mehr haben oder sich schlicht nicht bewusst sind, dass ihre Diskussionen öffentlich einsehbar sind – um über ihre kruden Theorien zu fachsimpeln.

Das Publikum

Obwohl ich mir sicher bin, dass weder Pfarrer Dietz noch seine Gemeindemitglieder solche Personen in ihrem Kreis begrüßen würden, zeigt es doch, in welche Richtungen das Lager der „Corona-Leugner“ anschlussfähig ist. Und diese Anschlussfähigkeit an rechtsradikale Kreise kommt nicht zufällig. Referenten wie vor einigen Monaten Maaz oder nun Meyen reproduzieren mal mehr, mal weniger deutlich antisemitische Klischees. Kaum verwunderlich also, dass diese Veranstaltungen auch auf dem Radar von Rechtsradikalen auftauchen.

Zum Glück zeigten sich Anhänger solcher Ideen an diesem Abend nicht. Das knapp hundertköpfige Publikum in der Malchower Kirche macht überwiegend einen sehr bürgerlichen, geradezu harmlosen Eindruck. Ich sehe die Beobachtungen des Soziologen Oliver Nachtwey bestätigt, der die Teilnehmer an Corona-Protesten als relativ alt und akademisch einordnet. (Quelle: Politische Soziologie der Corona-Proteste). 

Unter die Silberrücken mischen sich vereinzelt auch Männer mit längeren Haaren oder Frauen mit Dreadlocks, die eher in das Setting einer Friedensdemo passen als in das eines konservativen Kirchenabends.

Pfarrer Thomas Dietz in der Kirche Malchow

Und doch will bei mir an diesem Abend zu keinem Zeitpunkt Entspannung aufkommen. Zu sehr fühle ich mich allein durch den Umstand exponiert, dass meine Begleiterin und ich die Einzigen sind, die eine Maske tragen, zu seltsam sind die irritierten Blicke vieler Gäste. Insbesondere ein wohlbeleibter Mann starrt mich minutenlang an, als wolle mir unmissverständlich mitteilen, dass ich hier nichts zu suchen habe.

Eines ist klar: Ich gehöre hier nicht hin. Ich bin ein Fremdkörper in den Kreisen der „Querdenker“ und sie haben mich als jemanden ausgemacht, der nicht zu ihnen gehört.

Aber ich bleibe.

Ich möchte zuhören.

Und ich möchte verstehen, was diese Menschen umtreibt.

Statt des erwarteten Vortrags, entspinnt sich eine Art von Gespräch zwischen dem Kirchenmann und dem Professor. Dietz stellt dabei kurze Fragen und gibt seinem Gast die Stichworte, zu denen Meyen jeweils minutenlang spricht.

Das Thema, zumindest vorgeblich, sind die Medien. Oder besser die Frage, was denn falsch läuft mit den Medien. Und wenn Michael Meyen an diesem Abend von Medien spricht, auch das macht er schnell deutlich, dann spricht er vom Mainstream, von den Öffentlich-Rechtlichen und den “Leitmedien”. Auf die sogenannten alternativen Medien träfen die Vorwürfe der “Staatshörigkeit” und der Käuflichkeit” nicht zu. Zwar sei “auch bei Rubikon, Reitschuster und Konsorten nicht alles Gold, was glänzt, doch gehöre es für einen medienkompetenten Menschen heute dazu, auch diese Medienangebote zu rezipieren, allein schon, um die Aussagen aus dem Mainstream einordnen zu können”.

Die Blase, das sind die anderen

Kritik an der nachweislich tendenziösen oder desinformierenden Form der Berichterstattung dieser Alternativmedien bleibt bei Meyen an diesem Abend wenig überraschend aus. Ganz im Gegenteil, macht Meyen Tendenziösität beim Mainstream aus. Als Belege für seine Einschätzung müssen anekdotische Beobachtungen herhalten. Da wäre etwa der Fall der neuen ARD-Programmdirektorin Christine Strobl, die als Tochter des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble und Ehefrau des Baden-Württembergischen Innenministers Thomas Strobl eng mit der Spitzenpolitk verbunden ist. Oder die Geschichte einer thüringischen Journalistin, die sich verwundert zeigt, dass Ministerpräsident Ramelow in der Redaktion anruft, um seinen Unmut über die Berichterstattung zu äußern.

Genau anhand solcher Anekdoten wird deutlich, wie Meyens Ansatz funktioniert: Durchaus kritikwürdige Einzelfälle werden herausgegriffen, um sie als Beleg für ein System herzunehmen. Eben dieser Trick zieht sich nicht nur durch den Malchower Kirchenabend, sondern auch durch Meyens Buch. Und der Trick ist gut, denn er funktioniert.

Effekthascherei und Selbstvergewisserung

Es geht hier nicht, das wird mit Fortschreiten des Abends immer deutlicher, um irgendeinen Erkenntnisgewinn. Es geht vielmehr um Selbstvergewisserung und Zugehörigkeit. Wenn Meyen seinem Publikum solche Brotkrumen von verschwörungsideologischen Versatzstücken hinwirft, dann trennt er damit die Wissenden vom Rest, diejenigen, die verstehen, die erwacht sind, von den Schlafschafen.

Die Mainzer Sozialpsychologin Pia Lamberty attestiert Meyen und seinen Texten „Anschlussfähigkeiten an verschwörungsideologische Narrative“ (Quelle: Ken Jebsen als Quelle – Wie soll Wissenschaft sein?) und genau diese Anschlussfähigkeit stellt der Professor ein ums andere Mal unter Beweis.

Meyen gibt seinem Publikum das Gefühl, zu einer elitären Gruppe zu gehören. Zu denen, die verstanden haben, wie das Spiel läuft. Das passt abermals gut zu seinem gutsituierten, akademischen Publikum, das wahrscheinlich ohnehin ein gewisses Überlegenheitsgefühl mit sich herumträgt. Dass sein gesamtes Ideengebäude dabei von einer pathologischen Komplexitätsreduktion geprägt ist, scheint dabei niemandem negativ aufzufallen. Außer dem Typen mit der FFP2-Maske im hinteren Teil der Kirche. Doch dieser verlässt in der Pause zunächst den Raum, um draußen etwas frische Luft zu schnappen.  

Während ich draußen vor der Kirchenpforte stehe, kommen immer mehr Menschen heraus. Viele beklagen sich über die stickige Luft im Innenraum. Zur Erinnerung: Wir befinden uns am Beginn der vierten Welle, da drin sitzen knapp hundert Leute, niemand trägt eine Maske, die Quote der Geimpften dürfte eher niedrig sein, gelüftet wird nicht.

Erste Nachwehen

In den Tagen nach meinem Besuch beim Gemeindeabend lässt mich das Erlebte nicht los. Dieser Text sollte zunächst eigentlich nur ein knapper Abriss über eine seltsame Veranstaltung in einer Reihe vieler ähnlich gelagerter Abende werden.

Doch schon auf der Fahrt nach Hause kommen mir weitere Fragen, die ich mir nicht beantworten kann. Ich bin nach Malchow gekommen, um Antworten zu finden. Stattdessen hat der Abend in meinem Kopf nur unzählige weitere Fragen rund um die skurrile „Querdenker“-Bewegung und die Rolle der Kirche aufgeworfen. 

Ich beschließe also, weiter zu recherchieren. Und ich spreche mit Menschen, die von den seltsamen Abwegen, auf denen sich die Kirche in Malchow zu befinden scheint, deutlich stärker bewegt sein sollten, als ich es bin. Ich bin nicht religiös, ich glaube nicht an Gott, ich gehöre keiner Glaubensgemeinschaft an.

Anders als Robert (Name von der Redaktion geändert). Robert ist seit vielen Jahren Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde der Nikolaikirche in Prenzlau. Er beschreibt sich nicht als aktiven Kirchengänger, dennoch zählte er sich zur Gemeinde. Und daran hätte sich vermutlich auch nichts geändert, hätte er nicht in der Lokalpresse von den Vortragsabenden in Malchow gehört.

Diese lassen sich nicht mit seinem Bild der Kirche vereinbaren. Robert erklärt mir, er wolle nicht, dass mit der Kirchensteuer, die er zahlt, solcherlei Veranstaltungen durchgeführt werden. Die verschwörungsideologischen Veranstaltungen von Thomas Dietz haben für Robert zu einem Bruch mit seiner Kirche geführt.

Wie steht die Kirche zu den Veranstaltungen in Malchow?

Seine Beweggründe erklärt er in einem Schreiben an die evangelische Landeskirche. Statt auf seine Kritik einzugehen, erklärt eine Mitarbeiterin der EKBO den Prozess des Austritts. Die Gründe, die Robert anführt, aus der Kirche auszutreten, scheinen auf wenig Interesse zu stoßen. Ist der evangelischen Kirche diese Nähe zu den selbsternannten „Querdenkern“ also einfach egal?Superintendent Müller-Zetsche äußerte im Uckermarkkurier (Heftige Reaktion auf Corona-Protest des Schönfelder Pfarrers) bereits im vergangenen Jahr seinen Unmut, über die Nähe die Pfarrer Dietz zu „Querdenken“ und dessen Teilnahme an einer Großdemonstration in Berlin. Das war vor der Serie an Querdenker-Veranstaltungen in der Malchower Kirche.

Wie stellt sich die offizielle Position heute dar?

Ich hake bei der Landeskirche nach und frage, wie die EKBO zu der Vortragsreihe in Malchow steht, ob diese in Absprache mit der Landeskirche stattfinden. Ich frage nach den Hygienemaßnahmen und danach, ob es vielleicht Sanktionsmechanismen gäbe, sollten diese bei kirchlichen Veranstaltungen nicht eingehalten werden.

Eine Mitarbeiterin des Pressereferats der EKBO teilt mir mit, meine Fragen an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Das ist jetzt mehr als ein halbes Jahr her. Antworten auf meine Fragen bleibt die Landeskirche bis heute schuldig.

Pfarrer Dietz breitet die Arme aus

Ich konfrontiere auch Pfarrer Dietz mit dem Kirchenaustritt des Prenzlauer Gemeindemitglieds und frage ihn, ob ihn solche Schritte als Reaktion auf seine Gemeindeabende nicht bekümmern würde.

Dietz positioniert sich dazu genauso wenig wie zu dem Problem, dass seine Veranstaltungen inzwischen auch in rechtsextremen Chatgruppen besprochen würden, dass Referenten wie Hans-Joachim Maaz mit ihren Anleihen an antisemitische Verschwörungsmythen wie „Great Reset“ und „Plandemie“.

Dietz erklärt in seiner Antwort, dass jeder in seiner Kirche willkommen sei und dass in den Gemeinden Menschen „unterschiedlicher Couleur“ zu Gast sind. „Jeder Mensch ist ein Gottes Kind und hat das Gebet nötig, um den rechten Pfad für unser aller Miteinander zu finden. Das schließt unsere Gäste, unsere Regierung, auch Sie und mich ein“, so Thomas Dietz weiter.

Dies ließe sich womöglich als vorsichtige Kritik lesen, so als hoffe er darauf, mit seiner Arbeit Menschen auf den rechten Weg zurückführen zu können. Doch birgt diese Einladung nicht auch die Gefahr, (noch mehr) Extremisten in die Bewegung zu integrieren?

Und dann passiert es: Ein „Maßnahmen-Gegner“ hat in Idar-Oberstein in einer Tankstelle einen Verkäufer ermordet, weil dieser ihn dazu ermahnte, im Verkaufsraum eine Maske zu tragen.

23. September 2021

Nur wenige Tage später bin ich wieder in Malchow. Und bin gespannt, was Harald Walach zu dieser Bluttat sagt.  Walach ist einer der Urheber der widerlegten These, durch Masken gäbe es eine gesundheitsschädliche CO2-Rückatmung.

Er wurde bekannt durch seine Arbeit an pseudo-wissenschaftlichen Theorien, durch die Betreuung von esoterischen Abschlussarbeiten und dadurch, dass er der evidenzbasierten Medizin ein esoterisches Konterpart gegenüberstellt ( Uni Viadrina – Hogwarts an der Oder ). Man könnte darüber lachen, wäre es nicht so verdammt bitter, dass Menschen eine medizinische Behandlung ablehnen könnten, weil sie mit Verweis auf Ideologen wie Walach lieber auf „Fernheilung durch Quantenverschränkung“ setzen.

Dieser Walach darf nun in dieser Woche in der Kirche erklären, dass seine Arbeiten zur Maskenpflicht und zur Corona-Impfung aufgrund abweichender Meinung kein Gehör finden. Das ist offensichtlich Unsinn. Seine Arbeiten wurden zurückgezogen, weil sie methodisch keinen wissenschaftlichen Standards entsprechen. Aber diese Behauptung passt zu dem alternativen Glaubensbekenntnis der „Querdenker“, einem Glaubensbekenntnis, das eben nicht gleichberechtigt neben der Wissenschaft und der Aufklärung steht.

Mit der Bluttat von Idar-Oberstein konfrontiert, erklärt Walach salopp, dort hätte “jemand die Fasson verloren”. – So wird in einer evangelischen Kirche über einen Mord gesprochen. Eigentlich undenkbar, in Malchow aber offenbar sagbar.

Click here to display content from Twitter.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Twitter.

Und das ist es, was sich Thomas Dietz, der Pfarrsprengel Schönfeld und die evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg vorwerfen lassen müssen: Sie betreiben eine schreckliche Form von False Balance. Sie normalisieren antiwissenschaftliche und antidemokratische Narrative. Und sie sorgen so für eine Spaltung, die unserer Gesellschaft nicht guttun kann.

15. Februar 2022

Es stellt sich die Frage, wie die Motivationslage hinter all dem aussieht. Von Nachlässigkeit bei der Auswahl von Gastreferenten kann angesichts von Auftritten wie jenem von Harald Walach kaum ausgegangen werden. Es drängt sich die Annahme auf, dass hier ein Programm verfolgt wird.

Diese Annahme bestätigt sich, als ich im Uckermarkkurier lese (Auch Uckermärker unterstützen Initiative „ChristenStehenAuf“), dass Pfarrer Dietz einer der Erstunterzeichner eines offenen Briefs der Gruppierung „ChristenStehenAuf“ ist. Darin heißt es:


Immer mehr Christen wollen nicht schweigen, wenn Sorgen wachsen und die Kommunikation an vielen Stellen von Angst geprägt ist. Dabei wird auch das Äußern einer abweichenden Meinung zum Risiko. Gegenpositionen zum vorherrschenden Konsens wirken auf manche gefährlich. So werden oftmals die, die andere Sichtweisen haben, mutlos. Um wenigstens ein bisschen etwas dagegen zu setzen, bieten wir hier einen Blumenstrauß unterschiedlicher Standpunkte.

– ChristenStehenAuf

Die Annahme, coronakritische Stimmen würden mundtot gemacht, erscheint geradezu absurd, angesichts der zahlreichen Artikel, die der Nordkurier und die Prenzlauer Redaktion des Uckermarkkuriers gerade diesen Stimmen widmen. Insbesondere Thomas Dietz und seine Gäste erfahren in den Artikeln der Lokalpresse, insbesondere in denen der Autorin Claudia Marsal, eine breite und unkritische Berücksichtigung.

Sind Evangelikalismus und Verschwörungsmythen zwei Seiten einer Medaille?

Unter den Erstunterzeichnerinnen und Unterzeichnern des offenen Briefes finden sich neben Dietz Missionare, radikale Abtreibungsgegner, Querfrontler und Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland (Quelle: Ein Blick auf Christen Stehen Auf ). Und es findet sich dort auch der Thüringer Pfarrer Martin Michaelis, der sich nicht scheute, auf einer illegalen Demonstration zu predigen (Quelle: Hunderte bei Demo in Sonneberg – Innenminister will konsequent durchgreifen ).

Auffällig ist die Nähe zu den Evangelikalen, also jener Gruppen innerhalb der protestantischen Kirche, die ihren Glauben als besonders stark, ihre Nähe zu Jesus Christus als besonders intensiv charakterisiert. Evangelikale zeichnen sich durch einen besonders starken Konservatismus aus und sind damit in den USA längst zu einem relevanten politischen Faktor geworden.

Charakteristisch für das Denken der Evangelikalen ist laut der Religionswissenschaftlerin Maren Freudenberg das Schwarz-Weiß-Denken: „Die Welt wird in gute und böse Mächte eingeteilt. Auf der hellen Seite stehen Gott und seine Anhänger, auf der dunklen die, die sich noch nicht zum Glauben bekehrt haben“. (Quelle: Evangelikale Christen – Schattierungen einer besonderen Frömmigkeit )

Und genau in diesem Schwarz-Weiß-Denken finden sich dann auch die Schnittmengen von Evangelikalismus, von Verschwörungsmythen und den Gedankenkonstrukten der Neuen Rechten. In dieser Schnittmenge findet sich die Wurzel der Irrsinns, den der Schlagersänger Xavier Naidoo in den vergangenen zwanzig Jahren vertreten hat. Und womöglich findet sich hier auch eine Erklärung für das, was in der Malchower Kirche passiert.

Die Ideologie der Neuen Rechten, Evangelikalen und Verschwörungsgläubigen eint vor allem die Hierarchisierung von Ingroup und Outgroup, von Gläubigen und Ungläubigen, Wissenden und Unwissenden. Die einen sind drin, die anderen sind draußen.

2. Mai 2022

Ich bin heute draußen. Und das nicht nur metaphorisch, denn der Andrang in Malchow ist an diesem Montagabend so groß, dass nur noch Plätze auf harten Bierbänken vor dem Seiteneingang der Malchower Kirche (am Weg zum Klo im Nebengebäude) frei sind. Statt Bier wird leider nur Tee gereicht.

Zu Gast ist der wohl berühmteste Evangelikale Deutschlands, auch wenn seine Popularität wohl eher auf seinem beruflichen, denn auf seinem spirituellen Oeuvre gründet: Peter Hahne, ehemaliger ZDF-Moderator, schreibt seit einigen Jahren Bücher, in denen er einfache Antworten auf komplizierte Fragen gibt.

Patrick Nix (links) mit Peter Hahne in Malchow

Nachdem Pfarrer Dietz zunächst über orientierungslose Schafe predigt (kein Witz!), nimmt Hahne den Saal mit einigen launigen Anekdoten und Sprüchen über das Gendern und „die Jugend von heute“ ein. In das zustimmende Genicke des Publikums phantasiert Hahne schließlich hinein, die Auferstehung Christus‘ sei eine „historische Tatsache“, „Corona nur eine stärkere Grippe“, es hätte „keine überlasteten Intensivstationen“ gegeben und der Nordkurier würde „seriösen Journalismus“ betreiben. Dass das alles Quatsch ist, lässt sich durch kurze Google-Recherchen schnell belegen, die Zustimmung des Publikums zeigt allerdings einmal mehr, dass ich mich hier in einer Parallelgesellschaft bewege und der Referent seinem Publikum hier nach dem Mund redet (Quelle: Die rechte Ecke: Der lange Abschied des Peter Hahne ).

Mir drängt sich auch bei diesem dritten Besuch in Malchow der Eindruck auf, man wolle hier unter sich sein. Die Zuhörenden suchen eine Bestätigung, was sie ohnehin schon wissen, nicht die Auseinandersetzung mit konträren Positionen. Es ist an diesem Abend immer wieder die Rede von Meinungen. Meinungen sind allerdings keine Fakten und mit genau denen nimmt man es hier leider nicht sonderlich genau.

“hahnebüchen”

Stattdessen holt sich Hahne seinen Beifall durch launige Anekdoten aus seinen Urlaubsreisen nach Kalifornien und Südtirol ab, auf denen er den Deutschen per se unterstellte, dass ausschließlich Deutsche in der freien Natur Masken tragen würden. Zum Erkenntnisgewinn tragen diese Beobachtungen allerdings auch nur insofern bei, als dass sich mir endlich die Bedeutung des Begriffs “hahnebüchen” erschlossen hat.

Wie schon bei meinen anderen Besuchen hier, merke ich schnell, dass das Malchower Publikum durch eine diffuse Kontra-Position gegen einen immaginierten Mainstream geeint wird. Diese Position ist nicht immer kohärent, sie bildet aber eine Klammer, die die Anwesenden in ihrem Bewusstsein bestätigt, etwas erkannt zu haben, was der Mehrheit der Menschen da draußen verschlossen bleibt.

Da ist er also wieder, dieser eigenartige Elitismus, der die oben beschriebenen Ideologien zusammenhält. Und genau dieser Elitismus spricht auch aus jedem der Sätze Peter Hahnes. 

Man könnte das, was dieser hier vorträgt, als selbstverliebtes Gefasel abtun. Im Lichte der spirituellen Verortung Hahnes als Evangelikalen, wirkt es aber anders. Hahne erklärt, er habe sein Theologie-Studium quasi fast nebenbei absolviert, weil er vermutlich ein besserer Christ sei als seine Kommilitonen. Später sei er auch der bessere Journalist geworden, weil er sich noch traute, die wirklich harten Fragen zu stellen. Und heute sei ein ganz toller Sachbuchautor, dessen Werke in kürzester Zeit die Bestsellerlisten stürmen.

Was da aus Hahne spricht, sollte nicht mit Arroganz verwechselt werden. Hahne hängt offensichtlich der calvinistischen Prädestinationslehre an, nach der sich eine Erwählung durch Gott zum ewigen Leben nach dem Tode bereits zu Lebzeiten durch ein besonders erfolgreiches Leben ankündigt. Hahne hält sich, so scheint es mir, für auserwählt und so verwundert es nicht, dass er freimütig einräumt, keine Angst vor dem Tod zu haben, sollte er sich heute Abend mit Corona infizieren. Er wäre dann schließlich “in den Händen Jesu”.

Und genau mit diesem Mindset zeigt sich dann auch, weshalb all dieser klerikale Nonsens so anschlussfähig an die rechtsextremen Telegram-Poeten ist. Auch diese sinnierten schließlich davon, dass sich durch den nahenden Bürgerkrieg zeigen wird, wer „würdig“ ist. Und wer nicht.

Ob all das den Protagonisten dieser Geschichte in seiner ganzen Tragweite bewusst ist, darüber kann hier nur spekuliert werden. Vielleicht ist Hahne auch einfach nur ein populistischer Sachbuchautor, der seine Pension durch ein paar Buchverkäufe aufbessern möchte. Vielleicht freut sich Pfarrer Dietz auch nur über gut gefüllte Kirchenbänke.

Nur Kritiker in Malchow

Das Problem ist, dass diese Gedanken ihren Widerhall in den Echokammern an den Rändern unserer Demokratie finden. Pfarrer Dietz sagt, er möchte Menschen in seiner Kirche zusammenbringen. Er spricht, wenn es um seine Veranstaltungen geht von “Diskussionsabenden”. Wirkliche Diskussionen finden dort allerdings nicht statt. In Diskussionen sollten unterschiedliche Positionen miteinander ringen. In Malchow treten allerdings ausnahmslos “Kritiker” der Corona-Maßnahmen und “Verharmloser” von Covid19 auf. Ich befürchte, Dietz erreicht statt einem Ende der Spaltung, das genaue Gegenteil und trägt zu einer weiteren Verhärtung der Fronten bei. Ich hoffe, dass ich mich damit irre.

Autor: Patrick Nix

Prenzlauer. 20 Jahre im Exil, die Heimat aber nie aus den Augen und dem Herzen verloren.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Yvonne

    Danke. Ein wirklich interessanter Artikel, der meine Befürchtungen untermauert.

Schreibe einen Kommentar zu Yvonne Antworten abbrechen